Die Versuchung und ich

der eine oder andere Leser hat vielleicht die privaten Dramen von Lena Nimmersatts alter ego DWM verfolgt, den anderen sei nur so viel verraten: im Luftschloss von Lenas Leben blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Was lag also näher, als – zumindest temporär – auch die grundlegenden Körperfunktionen wie essen und schlafen einzustellen? Der „Erfolg“ ließ nicht lange auf sich warten, bald waren selbst die Hosen der Tochter zu weit.

Wie wird Lena sich verhalten, wenn sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat? Wird sie der Versuchung erliegen und wieder dem Dünnsein huldigen? Zweifelsohne genießt sie ihre neue Kleidergröße ein wenig trotz aller Widrigkeiten in ihrem Leben. Sie kauft Klamotten, für die sie – Figur hin oder her – definitiv zu alt ist. Aber nicht zu viele, denn: Lena ist realistisch und weiss, dass sie diese Figur nicht halten kann – und auch gar nicht will. Ein einziger Anzug muss reichen für die wenigen Tage, an denen sie Business tragen muss, die Jeans werden in weiser Voraussicht in Stretch gekauft, denn Lena hat aus den letzten Jahren schließlich gelernt: Lebensfreude und Selbstkasteiung vertragen sich nicht gut in ihrem Leben (Lena will sich keinesfalls anmaßen, dieses Urteil dem Rest der Menschheit überzustülpen, für andere mag anderes gelten) und so beginnt sie bald mit großer Lust auch wieder kulinarische Freuden zu genießen.

Jetzt steht sie vor einer neuen Herausforderung: dem kontrollierten Zunehmen. Seit ihrem letzten Ausflug in Größe 34 weiss sie, wie schwer es ist, nur bis zu einer gewissen Grenze zuzunehmen. Groß ist die Gefahr, dabei übers Ziel hinauszuschießen, aber Lena ist jetzt ja optimistisch: sie wird auch diese Herausforderung meistern. Und wenn nicht, tritt Regel nummer eins in Kraft: sie wird sich trotzdem lieben!

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Der Sport, die Pulsuhr und ich

Die Geschichte meines Sports ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Schon als Kind hatte ich einen ausgeprägten Bewegungsdrang, konnte aber auch tagelang lesend in meinem Zimmer sitzen. Im Laufe des Erwachsenenlebens kam zum Sport aus Spaß und Sport aus einem natürlichen Drang heraus noch der Sport zwecks Kalorienverbrauch dazu – und dann war Schluss mit lustig. Anstatt die Landschaft zu genießen, blieb der Blick fest auf der Pulsuhr haften, ich hätte auch indoor mountainbiken können. Nur auf schwierigen Strecken schenkte ich dem Untergrund ein wenig Aufmerksamkeit. Um den Kalorienverbrauch möglichst genau zu berechnen, kamen immer ausgeklügeltere Pulsuhren auf dem Markt und selbstverständlich musste ich mir die kaufen, mein anachronistisches Modell, das einfach nur den Puls anzeigte und vielleicht noch mit einer Ober- und Untergrenze versorgt werden konnte, reichte auf keinen Fall mehr.  Leser meines Buches http://www.amazon.de/gp/product/B0080CYRCM/ref=s9_simh_gw_p351_d0_g351_i1?pf_rd_m=A3JWKAKR8XB7XF&pf_rd_s=center-2&pf_rd_r=19PAXV23AG16F0A20XP6&pf_rd_t=101&pf_rd_p=463375173&pf_rd_i=301128 möchte ich jetzt nicht mit der Wiederholung der Details langweilen, aber das Glücksgefühl, wenn ein digitaler Knödel nach dem anderen mit leisem Pieps auf dem Display erschien, ersetzte mir die Endorphine, die mich früher allein durch Ausübung von Sport glücklich gemacht hatten. Vor allem nach einem Essanfall konnte ich mit einer wütenden Verbissenheit mich selbst über Grenzen hinweg antreiben, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Diese Abhängigkeit von solch elektronischem Gerät brachte auch Nachteile mit sich, wenn ich auf Dienstreisen die Pulsuhr vergessen hatte, mochte ich gar nicht laufen gehen – was aber letztendlich nicht in Frage kam. Auch geschätzte Kalorien mussten abtrainiert und das schlechte Gewissen beruhigt werden.

Aber nicht nur die Fixierung auf die Pulsuhr hatte mir die Freude an der Bewegung genommen. Da sie nur mehr der Figurerhaltung diente und somit erledigt werden MUSSTE, ging der Spaßfaktor mehr und mehr verloren. Obwohl diese Fixierung auch etwas Gutes hatte: Damals war ich für eine berufstätige Mutter zweier Kinder sehr gut trainiert.

In dem Maße, in dem ich die Fixierung auf meine Figur ablegen konnte, fing ich auch an, Sport wieder aus Spaß an der Freud zu treiben. Damit ging die Menge zwar zurück, aber Qualität geht schließlich vor Quantität.

Letzten Winter plagte mich eine Erkältung so lange, dass ich schon keine Lust mehr hatte, untätig herumzusitzen und beschloss, eine Skitour eben in Zeitlupe zu machen und mich an der Pulsuhr zu orientieren – diesmal zwecks Obergrenze anstatt Untegrenze. Die hatte ich aber so lange nicht mehr benützt, dass ich sie eine Zeitlang suchen musste.

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Das schlechte Gewissen und ich

Wie eine Rezensentin auf amazon festgestellt hat, handelt es sich bei meiner Geschichte http://www.amazon.de/Essen-frisst-Seele-auf-ebook/dp/B0080CYRCM/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1340308186&sr=1-1 eher um Probleme mit mir selbst als um eine Essstörung und ein wenig hat sie damit durchaus den Kern der Sache getroffen, denn das Essverhalten ist oftmals ein Ventil für Probleme, die sich auf andere Weise kein Gehör verschaffen können.

Ein hinderlicher aber beharrlicher Begleiter in meinem Leben ist das schlechte Gewissen. Das teile ich wahrscheinlich mit vielen Frauen (wie auch die Essstörung), aber ich befürchte, bei mir tritt es besonders ausgeprägt zutage. Zumindest empfinde ich das so.

Gelegenheiten für den Auftritt des schlechten Gewissens bieten sich ja wirklich viele. Während des Studiums habe ich versucht, mein schlechtes Gewissen wegen mangelnden Lerneifers mit einer besonders schweren Tasche voller Skripten zu beruhigen, mit der ich ins unverdiente Wochenende gefahren war. Aus schlechtem Gewissen, meinen Eltern so lange auf der Tasche zu liegen, habe ich während des ganzen zweiten Studienabschnitts gearbeitet.

Das berühmte schlechte Gewissen berufstätiger Mütter habe ich natürlich auch zur Genüge ausgekostet. Den Kindern gegenüber, wenn ich nicht bei ihnen sein konnte, dem Arbeitgeber gegenüber, weil ich nicht volle Leistung bringen konnte, den AuPair-Mädchen gegenüber, weil sie mehr gearbeitet haben, als vertraglich vorgesehen (was sie gern getan haben, weil sie dafür auch besser entlohnt wurden, als vertraglich vorgesehen und noch das eine oder andere Incentive mitgenommen haben). Dem Ehemann gegenüber, weil er sowieso zu kurz kam.

Aber anstatt mir selbst gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich mich nicht gut behandelte, plagten mich schlechtes Gewissen, wenn ich nicht genug Sport getrieben hatte oder schlechtes Gewissen, wenn ich mir etwas Gutes gegönnt habe. Was in weiterer Folge oftmals gefolgt war vom „ohnehin schon egal“ und einen Essanfall einleitete.

Nun kann man zwar an sich arbeiten und unliebsame Gewohnheiten bekämpfen, aber ich könnte nicht behaupten, dass sie restlos verschwunden wären, immer wieder mal spüre ich sie hie und da hervorblitzen.

Das deutlichste Lebenszeichen gibt es von sich, wenn es um den Sport geht. Mittlerweile habe ich zwar zu dieser Betätigung wieder ein freudvolles Verhältnis und nicht mehr das zwangvolle, das es während der Jahre der Essstörung gewesen war. Aber trotzdem fällt es mir immer noch schwer, bewegungsfreie Tage ohne externe Gründe (Krankheit, Dienstreisen, etc) zu genießen. Ganz besonders plagt mich mein schlechtes Gewissen in Anbetracht meines sportlich konsequenten Ehemannes. Wenn ich mich, aus welchen Gründen auch immer – Schlechtwetter, persönliche Befindlichkeit – zu einem Regenerationstag entschlossen habe (erstaunlich, dass ich diese Entschuldigung immer noch brauche) und dann an meinem zweiten Arbeitsplatz, dem Wäschekeller, die nassen Laufklamotten meines Mannes vorfinde, kann es schon mal passieren, dass ich mich auch noch zu einer halben Stunde auf dem Spinning-Rad aufraffe.

Beim Essen aber kann ich mittlerweile ohne schlechtes Gewissen genießen, und zwar alles, was ich möchte und was lange Zeit verboten war. Das ist jetzt ganz besonders wichtig, denn was wäre eine Fussball-EM ohne Knabberereien und Bier?

Manchmal wird meine schlechtes-Gewissen-Resistenz auf eine ganz schön harte Probe gestellt. Um öfter mal ein Eis genießen zu können, haben wir zu Hause im Sommer meist ein paar Mini-Magnums (ist es nicht ein Widerspruch in sich?) im Gefrierfach. Seit Jahren habe ich kein klassisches Magnum mehr gegessen, im Urlaub teile ich sie mir mit meinem Mann (erwähnte ich schon, dass er sehr konsequent ist?)

Gestern machte ein Kollege im Büro mit einer Tüte voller Magnums die Runde, die er netterweise aus dem Supermarkt geholt hatte und wie sollte ich da nein sagen? Erstens musste doch sein aufopferungsvoller Weg durch die brütende Hitze und wieder zurück gewürdigt werden, zweitens sein großzügiges Angebot und drittens waren mir die Frauen, die sich in der Öffentlichkeit (und wahrscheinlich nicht nur dort) jeglichen kalorienreichen Genuss versagen, ohnehin immer suspekt. Wie hätte ich diesen blauen Augen widerstehen können, die mir mit der Begeisterung eines Kindes die Eistüte offerierten? Als einzige in unserem Dreierbüro tat ich also einen Griff in die Tüte, und musste das leicht angetaute Magnum auch noch recht schnell vertilgen, um eine Sauerei an meinem Arbeitsplatz zu vermeiden. Jetzt war es wahrlich nicht einfach, gegen das schlechte Gewissen anzukämpfen, das mir auch noch ins Ohr flüsterte: „Kannst ja dafür das Abendessen auslassen!“ und es kam, wie es kommen musste: Die durch den Zuckerschub verursachte Achterbahnfahrt der Hormone sorgte dafür, dass ich zu Hause auch noch Chips nachlegen musste. Trotzdem vertilgte ich mit meiner Familie zum Abendessen brav mein Brötchen, dafür mussten die Portugiesen gestern ohne Chipsbegleitung gegen die Tschechen gewinnen – 1:0 für Lena an der Schlechtes-Gewissen-Front!

 

 

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Der Rückfall und ich

Nun ist es also so weit. Nach langer essanfallsfreier Zeit habe ich wieder einen Rückfall erlitten. Wie immer hatte ich mich schon in Sicherheit gewiegt, dass es endgültig vorbei sei, hatte fast schon vergessen, wie es sich anfühlt, immer weiter zu essen, jenseits von Hunger und Sättigung, Dinge in sich hineinzustopfen, die man eigentlich gar nicht mag,  und dann das.

Dabei war es eigentlich abzusehen gewesen, in weiser Voraussicht hätte ich mich also darauf vorbereiten können, bloß: kann man sich darauf überhaupt vorbereiten, und wenn ja, wie?

Nun war ich in letzter Zeit schon so stabil gewesen, dass weder erziehungstechnischer Supergau noch beziehungstechnischer Notstand mich in den Vorratskeller mit seinen gestapelten Verführungen laufen ließ.

Warum dann gerade jetzt? Und warum war es abzusehen gewesen?

Dummerweise mache ich derzeit gerade so etwas wie meine zweite Pubertät durch, beziehungsweise meine Haut macht selbige durch. Während meine erste Pubertät mir die Pickel erspart hat, lässt meine zweite Pubertät mich für dieses Versäumnis büßen. Auch die von der Hautärztin verordneten Salben konnten meine Akne nicht mildern, sodass ich mich nach reiflicher Überlegung zu einer medikamentösen Therapie entschlossen habe, deren Liste potenzieller Nebenwirkungen mich erst einmal abgeschreckt hatte. Offensichtlich hatte ich nur die Wahl zwischen schlimm aussehen oder mich schlimm fühlen. Vor allem vor der in der Packungsbeilage erwähnten Depression hatte ich Angst. Ich hatte im Laufe meiner Essstörung mit diesem dunklen Nichts Bekanntschaft geschlossen und wollte selbige auf keinen Fall erneuern. Aber noch war ich wild entschlossen, den psychischen Nebenwirkungen die Stirn zu bieten, einer psychischen Bedrohung würde ich ja wohl mit meiner mittlerweile erreichten psychischen Stärke begegnen können, oder nicht?

Um auch der selbsterfüllenden Prophezeiung keinen Raum zu lassen, wappnete ich mich in den Tagen nach Therapiebeginn mit demonstrativem Zweckoptimismus.

Trotzdem konnte ich nach einiger Zeit die Augen nicht mehr vor dem Offensichtlichen verschließen: die Psyche hat gegen chemische Vorgänge im Körper das Nachsehen. Und das dunkle Nichts begann wieder nach mir zu greifen. Ich verbrachte den Sonntag im Bett und las und las und las. Wenigstens hatte ich ein gutes Buch zur Verfügung, in dessen Handlung ich mich flüchten konnte. Mein Mann kümmerte sich um die Kinder und versuchte mich mit sanfter Gewalt zu einem Spaziergang zu überreden. Jetzt könnte man einwenden, dass ein im Bett verbrachter Sonntag noch keine Depression sei und das stimmt natürlich auch, aber ich kenne das dumpfe Gefühl, das sich langsam im mir ausbreitet und dummerweise auch verbunden ist mit dem unbändigen Verlangen nach Nahrungsaufnahme, völlig entkoppelt von jedem Hungergefühl. Von meiner Widerstandskraft war in dieser Situation natürlich nicht viel zu erwarten und so versüsste ich mir den faulen Sonntag mit den verbliebenen Ostereiern (ich hasse weißen Nougat, deswegen waren die auch immer noch da), dunkler Schokolade mit Mousse-Füllung, Kartoffelchips, Feigen, Nüssen, Salamibroten. Zusätzlich zu den normalen Mahlzeiten, selbstverständlich. Und diese Aufzählung ist sicherlich nicht vollständig, den Rest habe ich verdrängt.

Einen kleinen Unterschied gab es immerhin zu den Anfällen der früheren Jahre: ich unternahm keinerlei Versuch, meine unkontrollierte Nahrungsaufnahme zu verbergen. Und der größte Unterschied kommt hoffentlich jetzt in der Nachgeschichte. In Absprache mit dem Hautarzt wurde die Dosis verringert und das Nichts beginnt sich auch schon wieder zurückzuziehen und jetzt steigt die Spannung: wie wird Lena mit dieser Erfahrung umgehen? Wird sie einen Kompensationsversuch starten? Für Sport bleibt in dieser Woche berufs- und familienbedingt so gut wie keine Zeit, die unauffälligste Variante der Kompensation scheidet also schon mal aus. Jetzt kannst du zeigen, was du in den letzten Jahren gelernt hast: keine Selbstbeschimpfung, keine ausgelassenen Mahlzeiten, kein Apfel anstatt eines Mittagessens. Werde ich es schaffen?

Am Ende dieser Woche kann ich berichten: ich habe es geschafft! yeah! Bei einem Geschäftsessen habe ich mich sogar der Standardbestellung „Schweinsbraten mit Knödeln“ angeschlossen, anstatt mich mit einem Salat zu begnügen – und das zum Abendessen! Vier Tage lang nach dem Rückfall habe ich völlig normal gegessen und ich wage es, mich so weit aus dem Fenster zu lehnen: Ich habe auch den Rückfall besiegt!

 

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Die dünnen Freundinnen und ich

Die Leser meines Buches http://www.amazon.de/Essen-frisst-Seele-auf-ebook/dp/B0080CYRCM/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1338797389&sr=8-1 werden mit der Tatsache vertraut sein, dass ich über nicht sehr viele Freundinnen verfüge. Das hat wahrscheinlich verschiedene Ursachen: erstens sind durch häufige Umzüge immer wieder Freunschaften eingeschlafen. Zweitens sind meine Ansprüche wahrscheinlich zu hoch und das hat auch bereits mit dem drittens zu tun: Mit vielen klassischen „Frauenthemen“ kann ich wenig anfangen und somit sind Gespräche über solche Themen für mich erstens Zeitverschwendung und für mein potenzielles Gegenüber ist meine Unbedarftheit in diesen Dingen wahrscheinlich auch nicht sehr anregend. Somit bleiben eigentlich nur meine engsten Freundinnen aus Kindertagen, die aber weit entfernt wohnen. Die Kontakte, die wir im Kinderumfeld in unserem neuen Wohnort geknüpft haben, würde ich eher als Bekannte einstufen. Das ist zwar einerseits schade, hat aber für mein neues Leben als trockener Binge Eater auch viele Vorteile, wie ich gestern feststellen konnte.

Eines der beliebtesten Frauenthemen, wenn nicht das strapazierteste überhaupt, ist wohl die Figur und alles was damit zusammenhängt. Nun ist es ja keineswegs so, dass ich mit diesem Thema nichts anfangen könnte, im Gegenteil, aber leider auf einer völlig anderen Ebene als die meisten anderen Frauen. Ich bemühe  mich nach Kräften, das Thema vollständig zu ignorieren. Wobei Ignorieren eigentlich ganz falsch ist, weil das dem Ganzen ja schon wieder viel zu viel Bedeutung beimessen würde, ich darf es nicht einmal ignorieren! Und das ist wahrlich nicht immer einfach. Somit vereinfacht es die Sache sehr, keine Freundinnen zu haben, mit denen man das Thema nicht einmal ignorieren zu braucht.

Nun habe ich ja in dieser Woche meine alten Freundinnen aus Kindertagen besucht und da wurde ich wieder einmal mit der Situation konfrontiert, der ich jetzt völlig anders zu begegnen versuche als früher. Mit meiner ebenso schönen wie dünnen Freundin Miss Eyecatcher weilte ich in einem eleganten Restaurant. Wir beschlossen uns eine Hauptspeise zu teilen, von der sie nur ein paar Bissen zu sich nahm und ich den Rest vertilgte. Nun hatte ich nach einem ausgiebigen Winzerfrühstück das Mittagessen ausfallen lassen (böse Lena, aber mittlerweile klappt das schon ganz gut ohne negative Auswirkungen, solange es die Ausnahme bleibt) und eine Wanderung absolviert, aber trotzdem musste ich meine mentalen Kräfte aufbieten, um mich in dieser Situation nicht schlecht zu fühlen. Wo ich doch mindestens eine Kleidergröße – eher zwei – über ihr rangiere. Aber ich bin glücklich mit meiner 38 und möchte mich auf keinen Fall mehr runterhungern, sage ich mir wie ein Mantra immer wieder vor, auch wenn ich mir neben meiner Freundin wie ein Walross vorkomme.

Die Lage ändert sich auch während der folgenden zwei Tage nicht. Ich frühstücke doppelt so viel (wobei ich zu meiner Entschuldigung immerhin den Sport vorbringen kann, den ich treibe, während meine Freundin arbeiten muss) und beim gemeinsamen Abendessen bittet sie den Kellner, den Fisch ohne die Kartoffeln zu servieren. Ich liebe Kartoffeln und gerate nur ganz kurz in Versuchung, so zu reagieren, wie ich es früher getan hätte: in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich zu essen  und auf viel Genuss zu verzichten. Aber nein, ich möchte das Abendessen gerne als Gesamtkunstwerk genießen und esse die Kartoffeln dazu.

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Der Hunger, der Essensplan und ich

Als Noch-Essgestörte auf dem Weg in die Freiheit habe ich mich viel mit Literatur zu diesem Thema beschäftigt und versucht, es nicht beim Lesen zu belassen, sondern die Vorschläge auch umzusetzen. Dabei bin ich jedoch auf ein Problem gestoßen, denn es gibt zwei sich widersprechende Grundsätze:

1. Ich esse, wenn ich hungrig bin

2. Ich esse regelmäßig

Ja, was denn jetzt? Ich weiß nicht, wie es den Lesern ergeht, aber für mich schließen sich diese beiden Grundsätze aus. Wenn ich absolut regelmäßig esse, wird sicher mal eine Mahlzeit dabei sein, zu der ich dann keinen Hunger verspüre.

Am Anfang meines langen Weges aus der Essstörung war das aber nicht so das Problem, denn durch ständiges Diäten gefolgt von Essanfällen hatte ich jedes natürliche Hunger/Sättigungsgefühl verloren. Somit konnte ich also getrost erst mal Regel Nummer zwei befolgen. Das tat ich eine Zeitlang wirklich akribisch, und wenn unregelmäßige Arbeitszeiten, Dienstreisen und ein reges Familienleben damit in Einklang gebracht werden müssen, ist das gar nicht immer so einfach. Die Kinder waren mittlerweile aus dem Alter raus, wo z.B. auf Reisen penibel darauf geachtet werden musste, nur ja keine Unterzuckerung eintreten zu lassen. Dafür war jetzt die Mama der essenstechnische Problemfall, der immer regelmäßig etwas zu essen brauchte.

Diese Phase habe ich aber tapfer überwunden, sodass sich bald wieder ein Hunger/Sättigungsgefühl einstellte, dem ich vertrauen konnte. Das ist aber gar nicht immer so einfach, denn immer noch versucht der Kopf, das Gefühl zu übersteuern, mal in die eine, mal in die andere Richtung:

Du hast heute ganz viel Sport gemacht, da hast du doch sicher mehr Hunger

(Subtext: eigentlich habe ich Gusto auf Süßigkeiten, den ich irgendwie zu rechtfertigen versuche)

Ach, heute habe ich eigentlich gar nicht so den Hunger

(Subtext: heute morgen wollte die frischgewaschene Jeans sich etwas gegen das Zuknöpfen wehren)

Fallen lauern also überall, selbst nachdem ich jetzt seit vier Jahren clean bin. Trotzdem fahre ich ganz gut mit der Kombination der beiden Grundsätze. Das Grundgerüst besteht aus meinen regelmäßigen Mahlzeiten. Mittlerweile arbeite ich in einem nahezu dienstreiesefreien Job, der das ganze vereinfacht. Morgens frühstücke ich mit meiner Familie, schon aus Gründen der Vorbildwirkung für die Kinder, obwohl ich viel lieber bis zur allerletzten Sekunde im Bett bleiben und ungefrühstückt ins Büro fahren würde, aber das geht natürlich gar nicht. Das Mittagessen kann ich mittlerweile etwas lockerer handhaben, wenn ich nicht mit Kollegen verabredet bin, nehme ich mir ein Pausenbrot mit und manchmal fällt es auch aus oder verschiebt sich in den Nachmittag, aber das versuche ich zu vermeiden. Zum Abendessen versammelt sich wieder die Familie um den gemeinsamen Esstisch.  Anlässlich dieser Familienevent kann es schon mal passieren, dass die Mama noch unschlüssig vor ihrem leeren Teller sitzt, während der Rest der Familie bereits mit Abräumen beschäftig ist. Es kann schon mal etwas Zeit in Anspruch nehmen, in mich hineinzuhören und festzustellen, ob ich noch hungrig bin.

Entscheide ich mich vorschnell für „Ja“, werde ich es vielleicht später bereuen (so ganz befreit bin ich schließlich nicht von den Gedanken um meine Figur) -> SCHLECHT.

Entscheide ich mich vorschnell für „Nein“, holt mich der Hunger spätabends ein, wenn ich eigentlich schon schlafen sollte und schlägt dann vielleicht umso gnadenloser zu -> AUCH SCHLECHT

Also sitze ich da und warte auf die Nachricht aus meinem Bauch, auch wenn die Familie den Esstisch bereits verlassen hat.

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Die Schokolade, die Entspannung und ich

Wer kennt das nicht: Total erledigt sinkt man nach einem anstrengenden Tag aufs Sofa und will nur noch eines entspannen. Natürlich hat der essstörungsgeplagte und entspannungsgeübte Mitmensch für diese Fälle eine Liste von Tätigkeiten, die dafür wesentlich besser geeignet wären als die verlockende Tafel Schokolade (in weniger schlimmen Fällen reichen auch die gesünderen Vollkornkekse). Aber was tun an den Tagen, an denen nichts aus dieser Liste wirklich verlockend erscheint oder man sich auch nur ansatzweise in der Lage fühlt für eine derartig anstrengende Entspannungstätigkeit?

Sport?

zu anstrengend/bin erkältet/hab‘ grad Regenerationstag/

Schreiben?

Hab´ ohnehin den ganzen Tag vor dem Computer gesessen/keine Inspiration

Lesen?

Hab´ grad kein fesselndes Buch

Gitarre spielen?

ist grad nicht gestimmt

Bevor ich mir noch weitere Ausreden ausdenken muss, sinke ich also doch erschöpft aufs Sofa. Mit letzter Kraft ergreife ich die Fernbedienung und leite abendliches Frust-Zappen ein. In den seltensten Fällen stoße ich auf eine Sendung, die zu sehen es wirklich wert ist und dann bleibt mir das sonst Unvermeidliche erspart. Ich versüße mir das langweilige Programm mit Nahrungsaufnahme. Ohne Hunger selbstverständlich, denn ich habe ja schon zu Abend gegessen. Und, ich muss es leider sagen: Essen enspannt mich wirklich. Zu den vielen anderen Gründen für die Nahrungsaufnahme – Hunger, Gesellschaft, Genuss zählt auch die Entspannung. Obwohl ich als Trockene Binge Eaterin eigentlich nur essen dürfte, wenn ich hungrig bin, stehe ich heute zu dieser Droge und ich habe sogar einen Trick gelernt, der zwar nicht immer, aber immer öfter funktioniert:

1. Ich esse nur, so lange es mich wirklich entspannt. Von meinen Essanfällen weiß ich noch, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem es weder schmackhaft noch enspannend ist, sondern zunenehmd eklig wird. Durch bewusstes Entspannungs-Essen kann ich diesen Punkt erkennen und höre dann auf. Echt jetzt, das kann ich! Auch wenn dann noch drei Kekse in der Packung sind, räume ich die weg. Nicht immer, aber immer öfter.

2. Ich hasse mich selbst nicht dafür. Auch an diesen Punkt, wenn ich mich für meine Schwäche zu beschimpfen begann, kann ich mich noch gut erinnern. Kurz bevor der kommt, sage ich zu mir:“Ah, das hat jetzt gut getan, nicht war? Ist auch nix dabei, das ab und zu machen. “

3. Und das ist schon die Überleitung zum vielleicht wichtigsten Punkt: ich mache es nur sehr selten. Die Gründe dafür können vielfältig sein, und manchmal brauche ich auch gar keinen Grund dafür (oder er ist mir nicht bewusst), aber wenn es sich zu häufen beginnt, dann stimmt etwas anderes nicht in meinem Leben und ich muss mich wieder auf die mühselige Forschungsreise begeben: Was bleibt mir verwehrt, was ich brauche? Was gestehe ich mir vielleicht selbst nicht ein? Das muss ich suchen, finden und mir möglichst auch beschaffen, dann kommt das Entspannungsessen weiterhin nur in Ausnahmefällen.

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